Digitale Barrierefreiheit

UI/UX
Juni 2026

Wenn von Barrierefreiheit die Rede ist, denken viele an Rollstuhlrampen und Blindenleitsysteme. Aber im digitalen Raum geht es um viel mehr. Und um deutlich mehr Menschen.

Barrierefreiheit betrifft uns alle

Stell dir vor, du willst eine Rechnung bezahlen, aber die E-Banking-App ist kaum lesbar. Du sitzt draussen, die Sonne knallt aufs Display, der Kontrast ist miserabel. Du versuchst zu zoomen – geht auch nicht. Also gehst du kurz in den Schatten: Problem gelöst. 

Nicht jeder hat diese Option. Wer schlecht sieht, wer nicht zoomen kann, wer die Seite nicht mit der Tastatur bedienen kann, kann die App oder Website schlicht nicht bedienen. Klingt absurd? Genau so fühlt es sich für Millionen von Menschen an. Allein in der Schweiz sind 20% der Gesamtbevölkerung von dauerhaften Einschränkungen betroffen, wenn sie sich im Internet bewegen wollen.

Das ist der Kern von Barrierefreiheit: Was für die einen ein kleines Ärgernis ist, ist für andere ein dauerhaftes Hindernis. Und genau deshalb ist es keine Nische, sondern betrifft uns alle. Mal temporär, mal dauerhaft.

Vier Hauptkategorien von Einschränkungen

Einschränkungen lassen sich grob in vier Kategorien einteilen: visuell, auditiv, motorisch und kognitiv. Jede davon hat Einfluss darauf, wie Menschen das Internet nutzen – oder eben nicht nutzen können. 

Visuelle Einschränkungen 

… reichen von Farbenblindheit bis hin zu vollständiger Blindheit. Wer farbenblind ist, kann bestimmte Farbkombinationen nicht unterscheiden – ein rotes Warnsymbol auf grünem Hintergrund bleibt unsichtbar. Wer schlecht sieht, braucht möglicherweise eine extreme Vergrösserung von bis zu 400 %. Und wer blind ist, navigiert Websites mit einem sogenannten Screenreader – einem Programm, das Inhalte vorliest.

Auditive Einschränkungen 

… betreffen das Hören. Wer schwerhörig oder gehörlos ist, kann Videos ohne Untertitel nicht verstehen. Podcasts ohne Transkription sind ebenfalls ausgeschlossen. Deshalb sind Untertitel und Transkripte wichtig. Sie helfen nicht nur Betroffenen, sondern auch Menschen, die gerade keinen Ton einschalten können. Eine einfache Sprache ohne verschachtelte Sätze und Fachbegriffe sowie Gebärdensprachvideos verschaffen zudem Abhilfe. 

Motorische Einschränkungen 

… die den Oberkörper betreffen, bedeuten oft, dass jemand keine Maus oder Touchpad bedienen kann. Tremor (unkontrolliertes Zittern), Arthritis oder lähmungsbedingte Einschränkungen machen Präzisionsbewegungen unmöglich. Betroffene nutzen stattdessen die Tastatur, Sprachsteuerung oder Eye-Tracking. Eine Website, die sich nicht vollständig per Tastatur bedienen lässt, ist für diese Menschen unzugänglich.

Kognitive und neurologische Einschränkungen 

… sind die vielleicht am meisten unterschätzte Gruppe. Dazu gehören ADHS/ADS, Legasthenie, Autismus-Spektrum-Störungen oder auch Demenz. Lange Sätze, verschachtelte Strukturen und unklare Navigation können dazu führen, dass diese Menschen eine Website schlicht nicht nutzen können – obwohl technisch alles funktioniert. Auch blinkende oder flackernde Elemente können Menschen mit Epilepsie Schwierigkeiten bereiten. 


Übrigens fallen auch altersbedingte Einschränkungen in diese Kategorien. Die Augen werden schwächer, die Finger weniger präzise, das Gehör lässt nach. Und das betrifft jede Person, die das Glück hat, alt werden zu dürfen.
 

Die Gesetzeslage: Es wird ernst

Seit dem 28. Juni 2025 ist der European Accessibility Act (EAA) in der EU verbindlich in Kraft. Er verlangt, dass digitale Produkte und Dienstleistungen barrierefrei sind. Das betrifft Websites, Apps, E-Commerce-Plattformen, Online-Banking, EBooks, Streaming-Dienste und auch Billettautomaten am Bahnhof. Auch die Schweiz zieht nach. Das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) wird derzeit revidiert und orientiert sich dabei am europäischen Vorbild. 

Was bedeutet das konkret für eine Website?

Die internationale Richtschnur für barrierefreies Webdesign sind die WCAG – die Web Content Accessibility Guidelines. Aktuell gilt Version 2.2 auf Stufe AA. Diese Richtlinien definieren konkret, was eine barrierefreie Website ausmacht: ausreichende Kontraste, alternative Texte für Bilder, korrekte Seitenstruktur, zugängliche Formulare und vieles mehr.

Ein Barrierefreiheits-Check läuft in mehreren Schritten ab. Zuerst kommen automatisierte Tests, die den Code auf häufige Fehler prüfen – zum Beispiel fehlende Alt-Texte oder schlechte Kontraste. Aber Achtung: Diese Tests finden nur 20–30 % der tatsächlichen Probleme.

Deshalb braucht es manuelle Tests. Dabei wird die Website komplett per Tastatur bedient: Kann man alle Inhalte erreichen? Ist die Navigation logisch? Gibt es sichtbare Fokus-Markierungen? Dann folgen Screenreader-Tests, bei denen geprüft wird, ob alle Inhalte korrekt vorgelesen werden und interaktive Elemente wie Menüs oder Formulare auch per Sprachausgabe nutzbar sind.

Das Ergebnis ist ein detaillierter Bericht mit konkreten Handlungsempfehlungen. Die Anpassungen betreffen nicht nur den Code,
sondern auch die Contenterfassung. Denn Barrierefreiheit beginnt bereits beim Inhalt.

SBV: Partner für Barrierefreiheit

Der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) vertritt rund 400'000 betroffene Menschen in der Schweiz und ist für uns ein wichtiger Partner im Bereich Barrierefreiheit. Denn ein Testing von Betroffenen bringt nochmal eine andere Perspektive. Der SBV zeigt uns, wie Websites im echten Alltag genutzt werden. 

Der Verband bietet Beratung sowie Workshops zu spezifischen Fragestellungen und führt unabhängige Tests mit blinden und sehbehinderten Menschen durch. Diese Tests passieren im realen Kontext und liefern wertvolles Praxiswissen: Was funktioniert gut? Wo gibt es Reibung? Was könnte besser sein? Manchmal gibt es es nicht nur einen richtigen Weg, sondern mehrere und diese können durch den SBV aufgedeckt und ausgearbeitet werden. 

Wenn eine Website die erforderlichen Standards erfüllt, kann der SBV schliesslich ein Zertifikat ausstellen. Die Zusammenarbeit mit dem SBV hilft uns, den Unterschied zwischen technisch konform und wirklich gut nutzbar besser zu verstehen und genau da wollen wir hin.

Barrierefreiheit ist ein Prozess

Wer jetzt denkt: «Okay, wir machen das einmal und dann ist gut» – der irrt. Standards entwickeln sich weiter, neue Technologien entstehen, und Nutzer:innen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Barrierefreiheit ist deshalb kein Projekt mit einem klaren Ende. Es ist ein fortlaufender Prozess.

Das klingt aufwändig. Aber wenn man Barrierefreiheit von Anfang an mitdenkt – beim Konzept, beim Design, bei der Entwicklung – ist der Mehraufwand überschaubar. Viel schwieriger ist es, eine fertige Website im Nachhinein umzubauen. 

Gut für alle, nicht nur für Betroffene

Barrierefreie Websites sind fast immer auch bessere Websites. Klare Struktur, gute Kontraste, einfache Sprache – das hilft nicht nur Menschen mit Einschränkungen. Es hilft auch jemandem, der müde ist. Oder gestresst. Oder einfach schnell eine Information braucht.

Dazu kommt: Barrierefreie Websites werden von Suchmaschinen besser indexiert. Alt-Texte, saubere Seitenstruktur und semantisch korrekter Code – das sind Dinge, die auch Google mag. Barrierefreiheit und gutes SEO gehen Hand in Hand.

Kurz gesagt: Wer seine Website barrierefrei macht, tut etwas Gutes. Für seine Nutzer:innen. Für sein Unternehmen. Und nicht zuletzt auch für die Gesellschaft. 

Geschrieben von

  • Autor:Vanessa Brux